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Winterblues oder Depression?

„Am liebsten würde ich morgens einfach liegen bleiben…“ - Momente der Antriebslosigkeit und kurze Stimmungstiefs während der dunklen Jahreszeit kennt vermutlich jeder. Leidet die Psyche jedoch über mehrere Wochen, kann auch eine saisonal-abhängige Depression dahinterstecken. Wie kommt es eigentlich dazu? Bei welchen Anzeichen Sie handeln sollten und was Sie tun können, wenn es Sie selbst trifft.

Lesedauer ca. 3 Minuten

Winterdepression erkennen

Von einer saisonal abhängigen Depression (seasonal affective disorder / SAD), auch „Winterdepression“ genannt, wird gesprochen, wenn sich die Symptome einer depressiven Episode ausschließlich und wiederholt zu einer bestimmten Jahreszeit, typischerweise im Herbst und Winter zeigen.1 Neben den klassischen Symptomen einer Depression treten im Vergleich aber auch atypische Symptome auf.2 Dazu zählen:

Essen - Schlafen
  • vermehrtes Schlafbedürfnis statt Ein- und Durchschlafstörungen und
  • Heißhunger statt Appetitverlust.2
     

Was ist der Grund für eine SAD?

Die derzeit gängige Erklärung für eine saisonal abhängige Depression: Lichtmangel erhöht die Ausschüttung des schläfrig machenden Nervenbotenstoffes Melatonin und inaktiviert den Stimmungsaufheller Serotonin.3

Aktuelle Studiendaten zu den Hintergründen

Eine aktuelle Longitudinalstudie (2016) von Mc Mahon und Kollegen untersuchte wie bei Patienten mit einer SAD die Serotonin-Transporter über die verschiedenen Jahreszeiten hinweg reguliert werden. Um den Unterschied zwischen der Bindung der Serotonin-Transporter zwischen den Gruppen und den Jahreszeiten zu erfassen, unterzogen die Forscher 23 gesunde Probanden mit niedrigen saisonalen Werten und 17 SAD-Patienten PET-Untersuchungen – jeweils zur Sommer- bzw. Winterzeit.4 Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Entwicklung der depressiven Symptome in den Wintermonaten mit der ausbleibenden Herunterregulation der Serotonin-Transporter-Werte verbunden ist – vor allem bei Patienten mit einem hohen Risiko für affektive Störungen. Die erhöhten Serotonin-Transporter-Werte könnten niedrige endogene Serotonin-Spiegel zur Folge haben und so zu depressiven Symptomen führen.4

Die gesamte Studie „Seasonal difference in brain serotonin transporter binding predicts symptom severity in patients with seasonal affective disorder“ von Mc Mahon und Kollegen lesen Sie hier.

Was empfiehlt die Leitlinie bei SAD-Patienten?

Bei saisonal abhängiger Depression gilt gemäß S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ die Lichttherapie, auch Phototherapie genannt, als Behandlung erster Wahl [Empfehlungsgrad A].1 Hierzu sollte eine Lichtquelle verwendet werden, die weißes, fluoreszierendes Licht abgibt, bei dem der UV-Anteil herausgefiltert wird und welche Lichtintensitäten von mehr als 2.500 Lux erzeugt. Empfohlen wird zu Beginn die Anwendung von 10.000 Lux für 30–40 Minuten pro Tag, bevorzugt morgens direkt nach dem Erwachen, über einen Zeitraum von mindestens 2–4 Wochen.

Die Wirksamkeit von Lichttherapie bei Patienten mit einer SAD wurde belegt durch:1

  • eine Metaanalyse aus 23 randomisiert-kontrollierten Studien,
  • mehreren großen randomisiert-kontrollierten Studien, welche die Lichttherapie mit plausiblen Placebos verglichen haben,
  • Metaanalysen sowie
  • publizierten Leitlinien.

Die Responserate auf Lichttherapie liegt bei 60–90%, wobei die Response innerhalb von zwei- bis drei Wochen auftrat.1
Um aktiv gegen Winterdepressionen anzugehen, empfehlen viele Experten außerdem regelmäßige Aktivitäten im Freien, wie spazieren gehen, Fahrrad fahren oder Langlaufen.

Exkurs für Ärzte: Selbstmotivation für den Praxisalltag

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Angestellte in einer Arztpraxis sind doppelt so häufig gefährdet, in eine Winterdepression zu verfallen – auch durch den möglicherweise tagtäglichen Umgang mit depressiven Patienten. Die Stimmung in ihrer Praxis können Sie möglicherweise auch durch eine kritische Analyse der Umstände verbessern, aber auch eine gesunde Portion Selbstmotivation kann Betroffenen Ärzten helfen.5 Einen Rat, den Sie selbst beherzigen oder an ihre Angestellten weitergeben können: Stellen Sie sich in einem ruhigen Moment vor einen Spiegel und sagen Sie sich selbst:

„Ich erkenne an, dass es mir im Augenblick nicht gut geht. Ich kann aber etwas daran ändern. Ich kann Stressfaktoren reduzieren, dazulernen, andere um Rat fragen und mir Hilfe holen. Den ersten Schritt dahin, dass es mir besser geht, machte ich heute."

Unabhängig davon, ob es sich um Sie selbst, Ihre Angestellten oder Patienten handelt, eines sollte immer klar sein: Schuldzuweisungen helfen ebenso wenig, wie in eine Opferrolle zu verfallen oder in Selbstmitleid zu baden.
Mit der Selbstmotivation wird – psychologisch betrachtet – eine ausweglos erscheinende Situation bereinigt. Werden Sie oder auch Ihre Angestellten aktiv, statt darauf zu warten, dass sich alles von allein legt. Diese Portion Selbstmotivation wirkt nicht nur als Schutzschild im Arbeitsalltag, sondern kann auch einen positiven Nebeneffekt haben: Die gute Stimmung springt auf depressive Patienten über.5

Quellen:

  1. DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression*. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Auflage. Version 5. 2015. DOI: 10.6101/AZQ/000364. www.depression.versorgungsleitlinien.de (zuletzt aufgerufen am 23.09.2019).

  2. Stiftung Deutsche Depressions Hilfe. Winterdepression. Online erhältlich unter: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/winterdepression (zuletzt aufgerufen am 21.08.2019).

  3. DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression*. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Auflage. Version 5. 2015. DOI:10.6101/AZQ/000364. www.depression.versorgungsleitlinien.de [zuletzt aufgerufen am 03.01.2019].

  4. Mc Mahon B et al. Seasonal difference in brain serotonin transporter binding predicts symptom severity in patients with seasonal affective disorder. BRAIN 2016: 139; 1605-1614.

  5. Wölker T. Tipps für die Arzthelferin. Platzverweis für den November-Blues in der Praxis. Ärzte Zeitung, 02.11.2010. Online erhältlich unter: https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/praxismanagement/personalfuehrung/article/626777/platzverweis-november-blues-praxis.html?sh=5&h=364525896 (zuletzt aufgerufen am 21.08.2019).

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