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Antidepressiva: Risiko von Absetzsymptomen?

Nach dem Absetzen einer antidepressiven Medikation muss mit Absetzsymptomen gerechnet werden, die auf einer physiologischen Anpassung des Körpers an die Pharmakotherapie beruhen.1 Erfahren Sie hier, wie das Risiko minimiert werden kann, welche Medikamente tendenziell zu stärkeren Absetzsymptomen führen und wie man Letztere von einem Rezidiv unterscheiden kann.
Lesedauer ca. 2,5 Minuten

Absetzsymptom oder Abhängigkeit?

Abhängigkeit wird nicht vorrangig durch körperliche Phänomene, sondern durch psychische Abhängigkeitskriterien charakterisiert. Gemäß ICD-10 liegt eine Abhängigkeit von Substanzen vor, wenn mindestens 3 Suchtkriterien erfüllt sind. Die meisten dieser Kriterien werden durch die Einnahme von Antidepressiva nicht erfüllt (weniger als 3).2 Substanzen, die eine Abhängigkeit verursachen, lösen z. B.:2

  • ein unkontrolliertes Verlangen, das Medikament einzunehmen,
  • eigenmächtige Dosissteigerung durch die Betroffenen und
  • Einengung von Verhalten oder Interessen zugunsten der Einnahme oder Beschaffung der Substanz aus.

Dennoch können Absetzsymptome und Rebound-Phänomene zu Schwierigkeiten führen, die Einnahme eines Antidepressivums zu beenden. Laut Definition des ICD-10 ist dies ebenfalls ein Suchtkriterium.2

Antidepressiva schrittweise reduzieren

Das abrupte Absetzen von Antidepressiva sollte vermieden werden, da dies zu schweren Absetzsymptomen führen kann. Diese können aber auch bei einer Dosisreduzierung oder unregelmäßiger Einnahme entstehen. Generell sind Absetzsymptome von Antidepressiva zumeist mild und bilden sich häufig spontan zurück.3

Die S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ empfiehlt beim Absetzen von Antidepressiva:3

  • Antidepressiva sollten in der Regel schrittweise über einen Zeitraum von 4 Wochen reduziert werden. In einigen Fällen werden auch längere Zeiträume benötigt.
  • Solange die Absetzsymptome mild ausgeprägt sind, sollten die Betroffenen beruhigt und die Symptome überwacht werden.
  • Falls die Symptome schwer sind, sollte das Wiederansetzen des ursprünglichen Antidepressivums (oder eines mit längerer Halbwertszeit aus derselben Wirkstoffklasse) in wirksamer Dosierung erwogen werden und das Absetzen unter Überwachung noch langsamer erfolgen.

Prinzipiell gilt es, beim Absetzen eines Antidepressivums, auf die Angaben der Hersteller in den jeweiligen Fachinformationen zu achten.

FINISH - kurze Übersicht über mögliche Absetzsymptome

Der englische Begriff „FINISH“ hilft als Eselsbrücke Absetzsymptome schneller zu erkennen:2

  • Flulike symptoms (grippeähnliche Symptome)
  • Insomnie (Schlafstörungen, intensive Träume/Albträume)
  • Nausea (Übelkeit, Erbrechen)
  • Imbalance (Gleichgewichtsstörungen, Schwindel)
  • Sensory disturbances (Stromschläge, Dysästhesien)
  • Hyperarousal (Ängstlichkeit, Agitation, Reizbarkeit)

Diese Übersicht zeigt weitere Darstellungsformen von Absetzsymptomen:

Tabelle 1: Klinische Darstellung von Antidepressiva-Absetzsymptomen (nach4)

Systemisch, kardial

 

Schwindel*, Benommenheit*, Gleichgewichtsstörungen, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, Schwäche, Dyspnoe, Tachykardie*, grippeähnliche Symptome*

Sensibilität

Sensibilitätsstörungen, Dysästhesien, Juckreiz, Tinnitus, Geschmacksveränderungen, visuelle Veränderungen, Parästhesien*, Gefühl von Stromschlägen*

Neuromuskulär

Tremor, Muskelverspannungen*, Myalgie*, Neuralgie*, Unruhe*, Ataxie

Vasomotorisch

Temperaturregulationsstörung, Schwitzen*, Erröten*, Frösteln*

Gastrointestinal

Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe*, Bauchschmerzen*, Anorexie

Sexuell

Vorzeitige Ejakulation*, genitale Hypersensibilität*

Schlaf

Insomnie, Alpträume, intensives Träumen, Hypersomnie

Kognitiv

Verwirrtheit*, Desorientierung*, Amnesie*, Konzentrationsminderung

Affektiv

Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Agitation, Anspannung, Panik, gedrückte Stimmung, Impulsivität, plötzliches Weinen, Wutausbrüche, Manie, Antriebssteigerung, Stimmungsschwankungen, Verstärkung suizidaler Gedanken, Derealisation, Depersonalisation

Psychotisch

Visuelle und auditorische Halluzinationen

Delir

(typisch nur für Tranylcypromin)

*spezifisch serotoninassoziiert
fett gedruckt = häufig auftretende Symptome

Unterschiedliche Wahrscheinlichkeit für Absetzsymptome

Generell sind die Absetzsymptome von selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) mild und kommen nur selten vor. Eine Ausnahme bildet Paroxetin. Bei diesem SSRI besteht, wie auch bei trizyklischen Antidepressiva, ein hohes Risiko, dass Absetzsymptome entstehen.4

Übersicht: Wirkstoffe und deren Risiken für die Entstehung von Absetzsymptomen

Tabelle 2: Risiko für Absetzsymptome verschiedener Antidepressiva (nach4)

Risiko für Absetzsymptome

Antidepressiva

sehr hohes Risiko

Tranylcypromin, Phenelzin

hohes Risiko

Paroxetin, trizyklische Antidepressiva, Venlafaxin (Desvenlafaxin)

mittleres Risiko

Citalopram, Escitalopram, Sertralin, Duloxetin

niedriges Risiko

Fluoxetin, Milnacipran

kein Risiko

Agomelatin

unklares Risiko

Mirtazapin, Bupropion


Für pflanzliche Antidepressiva (Johanniskraut-Extrakt) sind keine Absetzsymptome aus der Literatur bekannt.

Kurze Halbwertszeit = hohes Risiko einer starken Ausprägung der Absetzsymptome

Ein hohes Risiko für Absetzsymptome bedeutet nicht automatisch, dass es nach Absetzen der Medikation auch zu einer schweren Symptomatik kommen muß. Es scheint zu gelten: Je stärker und direkter ein Antidepressivum in das Gleichgewicht des Neurotransmittersystems eingreift, desto stärker die Ausprägung der Symptome.4 Antidepressiva mit kurzer Halbwertszeit, wie z. B. MAO-Hemmer, Tranylcypromin und Moclobemid, haben ein höheres Risiko für die Entstehung von Absetzsymptomen und für eine stärkere Ausprägung.4

Absetzsymptome, Rebound-Phänomen oder Rückfall?

Das Absetzen von Antidepressiva kann nicht nur zu Absetzphänomenen führen, auch ein Rebound oder das Aufflammen der Grunderkrankung sind möglich. Während Absetzphänomene rasch auftreten und sich nach Wiederaufnahme der Medikation i. d. R. auch wieder rasch bessern, löst ein Rebound die Symptomatik der Grunderkrankung in stärkerem Maße aus als vor der Medikation. Ein Rezidiv zeichnet sich dagegen durch das Auftreten einer neuen Episode nach Remission (6 – 9 Monate) aus.

Charakteristika der Syndrome nach Absetzen einer antidepressiven Therapie:

Tabelle 3: Differenzialdiagnostik nach Absetzen oder Dosisreduktion von Antidepressiva (nach4)

Syndrom

Charakteristika

Absetzsymptome

     · Rasches Auftreten

     · Transient, selbstlimitierend

     · Rasche Besserung nach Wiederaufnahme der Medikation

     · Symptomatik kann der Grunderkrankung ähneln oder sich unterscheiden

     · Typischerweise unspezifische Symptomatik, ggf. spezifisch serotonerge/cholinerge Symptome

Rebound

     · Wiederkehr der Symptomatik der Grunderkrankung in stärkerem Ausmaß als vor der Medikation und/oder

     · Höheres Risiko für einen Rückfall im Vergleich zu Patienten, die keine Medikation erhielten

     · Gegenregulationsmechanismen, die durch die Behandlung aktiviert wurden mit überschießender Gegenregulation nach Absetzen der Medikation

Rückfall

     · Wiederkehr derselben Krankheitsepisode durch Wegfall der pharmakologischen Wirkung

Rezidiv

     · Neue Episode einer wiederkehrenden Grunderkrankung nach vorheriger Genesung (Remission über 6-9 Monate) durch Wegfall der pharmakologischen Wirkung

Patienten im Vorfeld aufklären

Bei einer Behandlung mit Antidepressiva ist es wichtig, Patienten im Vorfeld darüber aufzuklären, dass Antidepressiva per se nicht abhängig machen. Eigenständiges, abruptes Absetzen – ohne ärztliche Absprache – kann jedoch zu Absetz- und möglichen Rebound-Phänomenen führen.

Quellen:

  1. PZ – Pharmazeutische Zeitung. Psychopharmaka: Absetzen, aber richtig; unter: www.pharmazeutische-zeitung.de/absetzen-aber-richtig/ (abgerufen am 01.12.2021)

  2. Bschor T et al. Absetzen von Antidepressiva – Absetzsymptome und Rebound-Effekte. Nervenarzt (2022). https://doi.org/10.1007/s00115-021-01243-5

  3. DGPPN, BÄK, KBV, AWMF (Hrsg.) für die Leitliniengruppe Unipolare Depression*. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression – Langfassung, 2. Auflage. Version 5. 2015. unter: www.dgppn.de/_Resources/Persistent/d689bf8322a5bf507bcc546eb9d61ca566527f2f/S3-NVL_depression-2aufl-vers5-lang.pdf (abgerufen am 23.11.2021).

  4. Henssler J et al. Antidepressant withdrawal and rebound phenomena—a systematic review. Deutsches Ärzteblatt International 2019;116:355–61. unter: www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6637660/ (abgerufen am 23.11.2021).

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