Psychische Folgen der Coronavirus-Pandemie | Laif 900
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Psychische Folgen der Coronavirus-Pandemie

Medizinische und politische Entscheidungen standen zu Beginn der Corona-Krise klar im Fokus. Je länger die Pandemie weltweit andauert und je drastischer die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus werden, desto mehr treten nun auch die psychischen Folgen dieser Ausnahmesituation in den Vordergrund.
Lesedauer ca. 3 Minuten

Quarantäne kann zu Angstzuständen & Schlafstörungen führen

Täglich kommen neue Länder hinzu, die eine Ausgangssperre verhängen oder immer weiter verschärfen. Welche Folgen hat diese Ausnahmesituation für die Psyche? Erste Daten aus Wuhan, wo bereits zu Beginn der Pandemie 11 Millionen Menschen isoliert wurden, geben Grund zur Sorge. 2.144 Hotline-Anrufe eines psychologischen Dienstes wurden dort im Zeitraum vom 04.-20. Februar 2020 ausgewertet. Fast die Hälfte der Anrufer klagte über Angstzustände, gefolgt von Schlafproblemen, somatoformen Symptomen, depressiven Symptomen und anderen emotionalen Zuständen wie Einsamkeit, Müdigkeit und Unruhe. Auch körperliche Beschwerden wie Herzklopfen, Atemnot oder Engegefühl in der Brust können Ausdruck des emotionalen Stresses sein.1

Die Telefonseelsorge in Deutschland verzeichnet einen ähnlichen Trend: Die Anrufe haben sich seit dem Beginn der Corona-Krise im Schnitt verdoppelt, an einzelnen Tagen rufen etwa 10-mal so viele Personen an.

Jetzt besonders auf Risikogruppen achten!

Während bei den Anrufern der Telefonseelsorge momentan noch Sorgen für das persönliche Leben die größte Rolle spielen, z. B. die Organisation für einen möglichen Krankenhausaufenthalt oder wirtschaftliche Auswirkungen der Krise, warnt der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen davor, dass besonders Personen mit psychischen Vorerkrankungen jetzt außergewöhnlichen Belastungen ausgesetzt sind. Besonders schlimm ist die Situation, wenn der Aufenthalt in einer Tagesklinik, Reha-Einrichtung, Werkstatt oder Wohngruppe abgebrochen werden muss oder durch die Ausgangssperre tägliche Routinen nicht mehr eingehalten werden können.2

Auch Depressions-Patienten sehen sich jetzt einer besonders schwierigen Situation ausgesetzt, denn alles Negative wird als vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt. Die Deutsche Depressionshilfe hat darum einen Leitfaden zusammengestellt, wie Betroffene selbst gegensteuern können.2

Video-Sprechstunden und online Angebote nutzen

Nicht nur für die Angehörigen bedeutet der Wegfall verschiedener Versorgungseinrichtungen eine zusätzliche Belastung,2 auch Ärzte und Therapeuten müssen Patienten, die mit der neuen Situation zu kämpfen haben, nun auffangen. Eine Möglichkeit kann hier das Angebot einer Videosprechstunde sein. Der GKV-Spitzenverband hat die bislang geltenden Begrenzungsregelungen vorerst bis zum 31. Mai 2020 aufgehoben. Ärzte können jetzt bei allen Indikationen Videosprechstunden durchführen, auch dann, wenn der Patient zuvor noch nicht bei ihnen in Behandlung war. Bei psychologischen Psychotherapeuten muss dagegen weiterhin ein persönlicher Arzt-Patienten-Kontakt vorausgegangen sein, aber auch sie können jetzt vermehrt Videosprechstunden anbieten.4
Die Deutsche Depressionshilfe bietet außerdem ein online-Tool an (iFightDepression), das Patienten beim Umgang mit der Depression unterstützten kann. Normalerweise setzt das Programm eine Begleitung durch einen Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten voraus. Da diese momentan jedoch an ihre Belastungsgrenzen stoßen, ist das Programm für 6 Wochen auch ohne Begleitung zugänglich.4

Neue Routinen für mehr Wohlbefinden

Jeder Mensch hat Routinen im Alltag entwickelt, die sein persönliches Wohlbefinden sichern, z. B. der soziale Austausch mit Kollegen, erklärt Jule Specht, Professorin für Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Da diese Routinen nun wegfallen, sei es wichtig, neue Gewohnheiten, die einem guttun, zu etablieren. So ist z. B. eine digitale Kaffeepause mit Kollegen eine Möglichkeit, nicht nur fachliche Themen zu besprechen. Auch ergäben sich gerade in sozialen Medien viele neue und kreative Wege zum Umgang mit der neuen Arbeits- und Alltagssituation.6

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN) hat eine Liste zusammengestellt, wie psychischen Belastungen gegensteuert werden kann:7

  • vertrauenswürdige Informationsquellen nutzen und exzessiven Medienkonsum vermeiden
  • den Alltag positiv gestalten, Routineabläufe etablieren und gesundheitsfördernde Aktivitäten, wie Spaziergänge, bewusst einplanen
  • sich auszutauschen kann entlasten und Stress reduzieren
  • einander helfen wirkt sich positiv auf beide Seiten aus
  • sich negative Gefühle selbst zugestehen, ohne sich zu sehr hinzusteigern
  • wenn die Belastungen zu stark werden, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen (z. B. mittels Video-Beratung)

Während Ihre Patienten mit den Folgen der Isolation und Ungewissheit kämpfen, sind es für Mitarbeiter im Gesundheitssektor vor allem die außergewöhnlichen Arbeitsbelastungen, die mit der Pandemie einhergehen.
Ein offenes Ohr und der Austausch unter Kollegen kann Sie bei der Bewältigung dieser außergewöhnlichen Belastungssituation unterstützen.

Quellen:

  1. Bundesministerium für Bildung und Forschung. Corona-Quarantäne kann Angstzustände auslösen. Unter: https://www.bmbf.de/de/corona-quarantaene-kann-angstzustaende-ausloesen-11142.html (abgerufen am 23.03.2020).

  2. Pressemitteilung des Bundesverbands der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. vom 23.03.2020. Bei Corona-Maßnahmen die Bedürfnisse psychisch erkrankter Menschen berücksichtigen. Unter: https://www.bapk.de/presse/pressemitteilungen.html (abgerufen am 23.03.2020).

  3. Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Hinweise an Depression erkrankte Menschen während der Corona-Krise. Unter: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/corona (abgerufen am 23.03.2020).

  4. Kassenärztliche Bundesvereinigung. Coronavirus: Videosprechstunden unbegrenzt möglich. Unter: https://www.kbv.de/html/1150_44943.php abgerufen am 23.03.2020).

  5. Stiftung Deutsche Depressionshilfe. iFightDepression Tool. Unter: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/unsere-angebote/fuer-betroffene-und-angehoerige/ifightdepression-tool (abgerufen am 23.03.2020).

  6. Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Wichtig ist es, neue Routinen zu entwickeln.“ Unter: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/psyche-in-der-corona-krise-home-office-und-soziale-distanzierung-16685097.html (abgerufen am 23.03.2020).

  7. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V. (DGPPN). Coronavirus: Tipps für die seelische Gesundheit. Unter: https://www.dgppn.de/schwerpunkte/corona-psyche.html (abgerufen am 23.03.2020).

Bildquelle: ©istockphoto.com/martin-dm; Symbolbild mit Modell

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