Header: Gewichtszunahme unter Antidepressiva

Nahrungsergänzungsmittel:
Falsche Hoffnung oder lohnender Therapieansatz?

Fast die Hälfte der Deutschen greift einer Forsa-Umfrage zufolge zu Nahrungsergänzungsmitteln1. Mit Wirksamkeits- oder Präventionsversprechen bei diversen Leiden werden Verbraucher jedoch oft in die Irre geführt und Mangelzustände suggeriert, wo keine sind. Auch gegen Depressionen sollen verschiedene Supplemente helfen oder gar davor schützen. Was ist dran?

Erhöhen schlechte Ernährungsgewohnheiten das Depressionsrisiko?

Beobachtungsstudien suggerieren einen Zusammenhang zwischen erhöhten Depressions-Scores und schlechten Ernährungsgewohnheiten bzw. Nährstoffmängeln (z. B. Omega-3, Folsäure, Vitamin D, Selen).2 Die multizentrische Studie „MooDFOOD“ sollte Klarheit schaffen: Können Nahrungsergänzungsmittel (NEM) die Wahrscheinlichkeit einer Depression tatsächlich reduzieren?2

Zur Beantwortung dieser Frage wurden 1.025 übergewichtige oder adipöse Personen in einem 2x2 faktoriellen Design randomisiert und erhielten über die Dauer von 1 Jahr 2x tägliche ein NEM (Omega-3-Fettsäuren 1.412 mg, Selen 30 μg, Folsäure 400 μg, Vitamin D3 20 μg plus 100 mg Calcium) oder ein Placebo. Eine Hälfte erhielt zusätzlich eine psychologische Beratung zu gesunder Ernährungs- und Lebensweise. Alle Teilnehmenden hatten ein erhöhtes Depressionsrisiko mit mindestens leichten depressiven Verstimmungen, jedoch keine diagnostizierte Depression in den vorangegangenen 6 Monaten. Gemessen wurde das Vorliegen einer Depression anhand eines kurzen strukturierten klinisch-diagnostischen Interviews (M.I.N.I., Mini International Neuropsychiatric Interview).2

Keine Anhaltspunkte für präventives Potenzial von NEM

Die Studie zeigte: Weder die Einnahme von NEM noch die psychologische Beratung konnten das Auftreten von depressiven Episoden reduzieren. Auch die Kombination der Interventionen blieb ohne statistisch signifikanten Effekt.2


Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Koautor der Studie und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe betont, dass man sich – wie bei jeder schweren Erkrankung – sowohl bei der Vorsorge als auch bei der Therapie auf Methoden mit nachgewiesener Wirkung verlassen sollte. Für Depressionen heißt das: Antidepressiva oder Psychotherapie. Es sei verständlich, dass Menschen ihr Risiko für eine Depression senken wollen, die Daten zeigten aber, dass NEM dafür ungeeignet sind.3

Haben NEM Potenzial als additive Therapie?

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren (polyunsaturated fatty acids; PUFA) sind zentraler Baustein der grauen Substanz; Tryptophan fungiert als Precursor-Molekül für Serotonin4 – nur 2 Beispiele von vielen, die erkennen lassen, warum die Hoffnung für NEM als wirksame Therapieergänzung groß ist. Ein Blick in die Studienlage offenbart jedoch: Das Bild ist bis auf wenige Ausnahmen nicht ganz so eindeutig. Ein Meta-Review von 33 randomisiert kontrollierten Studien mit insgesamt 10.951 eingeschlossenen Personen zur Bedeutung von Supplementen bei psychischen Erkrankungen kam zu folgenden Ergebnissen:5

  • Für PUFA, v. a. die Omega-3-Fettsäure Eicosapentaensäure (EPA), ergab sich die höchste Evidenzlage für einen positiven Effekt als Add-on-Behandlung bei Depressionen.5 Diese Ergebnisse stimmen mit einer früheren Meta-Analyse überein.6
  • Für Methyl-Folsäure zeigten sich bei therapieresistenten Depressionen moderate Verbesserungen und auch N-Acetylcystein zeigte eine gewisse Wirkung bei affektiven Störungen.5
  • Für die Vitamine E, C und D, Zink, Magnesium und Inositol konnten keine Effekte bei psychischen Erkrankungen gezeigt werden.5

Richtig beraten zu Ernährungsfragen

Knapp 60 % Ihrer Kolleginnen und Kollegen gaben in einer coliquio-Umfrage an, dass Depressions-Betroffene nach der Wirksamkeit von NEM fragen.7 Um evidenzbasiert dazu beraten zu können, wurden im Rahmen des MooDFOOD-Projekts aktuelle Ernährungsempfehlungen, basierend auf der vorliegenden Evidenz, als Leitfaden für Ärztinnen und Ärzte zusammengestellt:8

Prävention: gesunde Ernährung statt NEM

  • Raten Sie zu einer ausgewogenen Ernährungsweise nach nationalen Ernährungsrichtlinien, um das Depressionsrisiko eventuell zu reduzieren.
  • Übergewichtige Personen sollten zum Gewichtsverlust ermuntert werden, um neben anderen gesundheitlichen Vorteilen auch ihr Depressionsrisiko zu senken.
  • NEM sind nicht zur Depressionsprävention geeignet.

Therapie: nur einzelne Nährstoffe zur Unterstützung

  • Zusätzlich zu einer leitliniengerechten Therapie kann ein gesundes Ernährungsmuster zur Reduktion depressiver Symptome beitragen.
  • Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA ≥ 1g/Tag) können eine Behandlung mit Antidepressiva unterstützen. In der Monotherapie wurde für PUFA kein positiver Effekt auf die depressive Symptomatik festgestellt
  • Für die bislang untersuchten Mikronährstoffe ist die Evidenzlage nach heutigem Stand unzureichend, weshalb eine allgemeine Empfehlung zur Supplementation bei Depressionen nicht gerechtfertigt ist.

Quellen:

  1. aerzteblatt.de. Jeder Zweite nimmt Nahrungsergänzungsmittel, Experten warnen. Unter: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/132993/Jeder-Zweite.-nimmt-Nahrungsergaenzungsmittel-Experten-warnen (abgerufen am 28.07.2022).

  2. Bot M et al. Effect of Multinutrient Supplementation and Food-Related Behavioral Activation Therapy on Prevention of Major Depressive Disorder Among Overweight or Obese Adults With Subsyndromal Depressive Symptoms. The MooDFOOD Randomized Clinical Trial. JAMA 2019;321(9):858.868.

  3. Universitätsmedizin Leipzig. Nahrungsergänzungsmittel helfen nicht, einer Depression vorzubeugen. Pressemitteilung vom 12.03.2019. Unter: https://www.uniklinikum-leipzig.de/presse/Seiten/Pressemitteilung_6709.aspx (abgerufen am 28.07.2022).

  4. Holler B, Konrad M. Depression – Ernährung als Therapie? Ernährungs Umschau 2010;57:593-597.

  5. Firth J et al. The efficacy and safety of nutrient supplements in the treatment of mental disorders: a meta‐review of meta‐analyses of randomized controlled trials. World Psychiatry 2019;18(3):308-324.

  6. Sarris J et al. Adjunctive Nutraceuticals for Depression: A Systematic Review and Meta-Analyses. Am J Psychiatry 2016;173(6):575-87.

  7. https://www.coliquio.de/wissen/laif-100/vitamin-d-112

  8. MooDFOOD. Zusammenhang zwischen Depression und Ernährung. Unter: https://www.gamian.eu/wp-content/uploads/DE-gphandout-a4_digital.pdf (abgerufen am 28.07.2022).

Bildquelle: © mi-viri / iStock/ Getty Images Plus via Getty Images

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