Johanniskraut-Extrakt mit Weitblick verordnen | Laif 900
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Johanniskraut-Extrakt
mit Weitblick verordnen

Es liegt auf der Hand: Mehrere parallel verabreichte Medikamente erhöhen das Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Geradezu reflexartig wird beim Thema Wechselwirkungen gerne auch Johanniskraut ins Spiel gebracht. Zu Recht?
Lesedauer ca. 2,5 Minuten

Die CYP-Familie: Schloss mit mehreren Schlüsseln

Das Cytochrom-P450-System hat eine zentrale Funktion in der Arzneistoff-Metabolisierung in Leber und Darm. Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei das Enzym CYP3A4, das an der Verstoffwechselung zahlreicher Medikamente beteiligt ist. Viele Arzneimittel hemmen dieses Enzym, so kann es bei gleichzeitiger Gabe von mehreren Wirkstoffen, die über diesen Stoffwechselweg abgebaut werden, zu Expositionserhöhung und Wirkverstärkung kommen. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Arzneimittel, welche CYP3A4 induzieren und so zu einem beschleunigten Abbau von einem parallel applizierten Substrat führen können. Zur letzteren Kategorie gehören auch Johanniskrautpräparate.1

Interaktionsgeschehen unter Antidepressiva

Im Bereich der Antidepressiva gibt es praktisch kein Arzneimittel, das kein Interaktionspotential aufweist. Es gilt, patientenindividuell und unter Berücksichtigung der Begleitmedikation das am besten geeignete Antidepressivum für Ihre Patienten auszuwählen. Hierbei ist zu beachten, dass Johanniskraut zwar u.a. das Enzym CYP3A4 induziert, aber alle anderen Antidepressiva oft äußerst potente Hemmer von einem oder mehreren CYP-Enzymen sind.1

Wie sieht es mit hochdosiertem Johanniskraut aus?

Für Laif®900 (900mg, 1x1) wird das Interaktionsgeschehen meist überschätzt. Die Zahl der klinisch relevanten Wechselwirkungen ist vergleichsweise gering oder kann meist durch Dosisanpassung bewältigt werden – so dass ein breites Patientenspektrum von diesem Phytotherapeutikum profitieren kann.1

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn Patienten mit CYP3A4-sensitiven Substraten mit enger therapeutischer Breite behandelt werden. Hierzu zählen Immunsuppressiva, Virustatika oder Zytostatika (siehe Abbildung 1). Bei diesen Patienten können gravierende Interaktionen auftreten und ein Therapieversagen kann zu irreversiblen Schäden führen. Hier ist Johanniskraut kontraindiziert! Die Anzahl dieser Patienten dürfte aber im niedergelassenen Bereich eher eine Minderheit darstellen.1 3

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Abbildung 1: klinisch relevante Interaktionen von Laif®900 auf einen Blick.3


Bei Johanniskrautpäparaten können möglicherweise auch pharmakokinetische Wechselwirkungen mit einigen SSRI (z. B. Paroxetin, Sertralin) auftreten: In spontanen Einzelfallberichten wurde eine Verstärkung von serotonergen Nebenwirkungen beschrieben.2,4 Dieser Effekt ist allerdings auch bei alleiniger oder kombinierter Gabe von SSRI beobachtet worden.

Wechselwirkung Johanniskraut und Pille: Was ist dran?

Die Zuverlässigkeit des Konzeptionsschutzes kann bei gleichzeitiger Einnahme von Johanniskrautpräparaten und hormonellen oralen Kontrazeptiva beeinträchtigt werden.3 Die Datenlage ist nicht eindeutig. Deshalb sollten Sie Ihrer Patientin raten, auf zusätzliche (mechanische) Verhütungsmaßnahmen zurückzugreifen.

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Antidepressiva sicher verordnen

Eine praktische Übersicht zu Gegenanzeigen und Wechselwirkungen von Laif®900 (auch im direkten Vergleich zu chemischen Antidepressiva) finden Sie hier als interaktive digitale PDF.

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Interaktionen eingrenzen: pharmakokinetisch & pharmakodynamisch

Das pharmakokinetische Interaktionsgeschehen über Cytochrom-P-450-Enzyme ist so komplex, dass es im Praxisalltag – ohne erheblichen Zeitaufwand – kaum überschaubar sein dürfte. Wichtig ist es deshalb, bei Neuverordnungen alle Medikamente abzufragen, die der Patient derzeit einnimmt und so mögliche Interaktionen zu erkennen. Ob eine Metabolismus-basierte Interaktion klinisch relevant ist, hängt v.a. von der CYP3A4-Sensitivität und der therapeutischer Breite der gleichzeitig verabreichten Medikamente ab. Ist die klinische Relevanz hoch, besteht strikte Kontraindikation.1

Klinische Relevanz pharmakokinetischer Interaktionen
FAUSTREGELN

  1. Ähnliche Wirkprofile zweier Arzneimittel lassen nicht automatisch auf Gruppeneffekte schließen. Für die Interaktion ist die Metabolisierung der Substanz entscheidend
  2. Die Schwere möglicher Interaktion ist gegen ihre Beherrschbarkeit abzuwägen.
  3. Zu berücksichtigen sind die tatsächliche Intensität der Wechselwirkung und die therapeutische Breite des betroffenen Arzneimittels.

Meist vorhersehbar sind dagegen pharmakodynamische Interaktionen verschiedener Medikamente. Diese beziehen sich auf die direkten Wirkmechanismen und können ebenfalls zu einer Wirkungsverminderung oder -steigerung führen.1

Quellen:

  1. Tippmann M. E. Arzneimittelinteraktionen im Praxisalltag. Johanniskraut-Extrakt mit Weitblick verordnen. Neuro aktuell 7/2013.

  2. Lantz MS et al. St. John´s wort and antidepressant drug interactions in the elderly. J Geriatr. Psychiatry Neurol. 1999 Spring;12(1):7-10.

  3. Laif®900 Fachinformation, Stand: Juli 2016.

  4. Waksman JC et al. Serotonin syndrome associated with the use of St. John´s wort (Hypericum perforatum) and paroxetine. Clin Toxicol 2000 (38) 5, p 521.

Bildquelle: © iStock.com/BrianAjackson – Symbolbild mit Modellen

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